Montag, 16. Februar 2009

Central Otago Rail Trail

Das andere Ende der Welt hat ein Einsehen: Nachdem die Vorhersage dichter Wolken und heftigen Regens und davon abgehalten hat, eine Zugfahrt über die Berge zu unternehmen und uns stattdessen einen verhangenen und kühlen Tag in Dunedin beschert hat, wurden wir mit Sonnenschein belohnt, der mit den Höhenmetern zunahm. Und das kam so:

Vor langer langer Zeit gab es in Kiwiland wohl mal so etwas wie ein Eisenbahnnetz. Davon ist heute leider nicht mehr so viel übrig – die wenigen Strecken, die noch betrieben werden, sind eigentlich nicht dazu da um Reisende von A nach B zu bringen, sondern Touristen von A nach B und gleich wieder zurück nach A. Der Weg ist also das Ziel, dementsprechend werden auch nur noch wenige, landschaftlich ganz besonders reizvolle Strecken bedient.

Davon konnten wir uns auf dem Taieri Gorge Railway überzeugen, einer sehr hübschen Route, die von Dunedin ostwärts durchs Gebirge führt. Dunedin hat ironischerweise einen prächtigen und recht großen Bahnhof – von dem aber nur ein bis zwei Touristenzüge pro Tag in die Berge hochfahren. Die Zugfahrt selbst war schon sehr dramatisch, durch die teilweise tief eingeschnittene Schlucht des Flusses Taieri, über Brücken und durch Tunnel, hinter denen sich nach und nach das Bergpanorama entfaltete.

Die Touristenzüge – und auch die Gleise – enden in einem winzigen Nest namens Middlemarch. Die Bahnstrecke selbst führt aber noch einiges weiter nach Clyde. Der Rest der Bahnstrecke ist allerdings – diejenigen, die unsere Reiseberichte kennen, ahnen es – in Fernwander- und -radweg umgewandelt worden, den Central Otago Rail Trail! Hurra! Unsere – insbesondere Bennys – Freunde kannte kaum Grenzen.

Wer schon mal auf solch einem Ex-Eisenbahn-Radweg geradelt ist, kennt die Vorzüge: es gibt keine großen Steigungen und kaum Kreuzungen mit Straßen, dafür aber allerlei Bahndämme, Tunnel und Brücken. Es fährt sich mit einem Wort traumhaft.

Der Central Otago Rail Trail windet sich auf diese Weise für 150 km durch das "wide sky country" westlich von Dunedin, ein weites hohes Tal, bedeckt mit Grasland, flankiert von imposanten Bergketten in der Ferne. Mit einem Besuch beim örtlichen Profi-Fahrradladen war schon fast alles geklärt, das Gepäck reiste – welch ein Luxus! - im Auto voraus und wartete abends immer schon auf uns, und wir bekamen sogar ein Tandem, das uns schon erwartete, als wir an der Endstation des Zuges ausstiegen.

Als wir in Middelmarch ankamen, hatte sich die Wolkendecke schon gehoben, es wehte allerdings ein scharfer Wind. Der kam aber netterweise aus der richtigen Richtung, will sagen von hinten. Das Tandem lief wie von selbst, und bald empfanden wir den Wind als angenehme Kühlung.

Wir genossen die hohen Brücken über tiefe Schluchten und die neugierigen Blicke, die die anderen, durchaus zahlreichen Radler auf unser Tandem warfen. Der erste Tunnel war das Highlight des ersten Tages: Natürlich kam es nicht infrage, abzusteigen, und Angela war doch ganz froh, als sie hinter Bennys breitem Rücken schon bald das Licht am Ende des Tunnel auftauchen sah.

Leider folgte der Tiefpunkt der Tour auf dem Fuße, inmitten eines idyllischen Tales: Ein dicker Stein zerschmetterte uns zwei Speichen in Hinterrad. Zwar fuhr das Rad noch, machte aber beunruhigende Geräusche und war deutlich schwergängiger. Selbstverständlich gab es auf dem Abschnitt keinen Handyempfang. So quälten wir uns noch einige Kilometer weiter, bis wir den Fahrradladen erreichten, der uns für den nächsten Morgen ein Ersatzrad zusicherte. Solchermaßen beruhigt brachten wir die letzten Kilometer zu unserem ersten Stationsort Ranfurly hinter uns, kamen dort aber einigermaßen erledigt an.

Glücklicherweise ging mit unserem Ersatzrad alles glatt, wir bekamen sogar wieder ein Tandem. So getröstet und durch das deftig-reichliche Essen im ländlichen Otago gestärkt fuhr es sich am nächsten Tag wie von selbst.

Eine nicht enden wollende Abfahrt in einer großen Schleife ins nächste Tal ließ alle Beschwerlichkeiten winzig werden, die Brücken und Viadukte überboten sich in Höhe und Länge, und der Fluss Manuherikia, dessen Verlauf wir folgten, schlängelte sich gar lieblich durchs Tal.

Als Krönung erwies sich das Bed&Breakfast, dass wir nach Schnauze ausgesucht hatten, als echter Glücksgriff: es befand sich im alten Schulgebäude eines winzigen Fleckens namens Lauder. Das B&B bestand aus dem alten Schulgebäude und ein paar kleineren Hütten und Schuppen, umgeben von einem bunt blühenden Garten, und alles sehr liebevoll hergerichtet.

Unsere unglaublich netten Gastgeber hatten uns im sogenannten Straf-Schuppen (dem Karzer) untergebracht. Der war allerdings allerliebst eingerichtet, wir genossen unsere eigenen vier Wände und unser eigenes Bad in vollen Zügen. Wenn wir nicht für den Routeburn und den Kepler Track gebucht gewesen wären, wären wir glatt noch länger geblieben.

Am letzten Tag machten wir einen kleinen Umweg über Ophir, einen der Orte entlang der Strecke, die die Welt vergessen zu haben scheint - tatsächlich scheinen sich die Leute dort vor allem der Pflege ihrer Gärten zu widmen.

Es war wirklich sehr malerisch, und etwas surreal - dort scheint die Zeit ca. 1920 stehen geblieben zu sein, um die Zeit des großen Goldrausches in dieser Gegend, und kurz nach dem Bau der Central Otago Railway Line.

In Alexandra, dem letzten (einzigen) grösseren Ort auf der Tour stellten wir fest, dass wir noch viel Zeit hatten, um den Bus nach Queenstown zu erwischen, wurden der Eisenbahnstrecke daher untreu und nahmen stattdessen eine malerische Route am Fluss. Allerdings war die eher für Mountainbikes geeignet als nun gerade für ein Tandem (auch wenn es sich um ein Mountainbike-Tandem handelte). Und so war Bennys ganze Fahrkunst und unser gerade erworbenes Zusammenspiel gefragt, um uns heil über die diversen steilen Anstiege und folgenden Abfahrten ins Bodenlose (so fühlte es sich jedenfalls an) zu bringen, und die vielen engen Kurven und plötzlichen Fluss-Überquerungen zu meistern. als wir schließlich in Clyde ankamen, waren wir doch ganz schön ausgepumpt - auch dank eines finalen steilen Anstiegs, den eine Dampflok niemals geschafft hätte!

Nachdem wir unser treues Tandem in den Stall - äh, die Garage gebracht hatten, brachte uns der Bus in die Spaß-Metropole Queenstown. Von der Lage und der Größe her erinnert die Stadt allerdings eher an einen Schweizer Bergort: die Stadt liegt am Ufer eines spiegelnden Sees, umgeben von dramatischer Bergkulisse, natürlich darf auch die Bergbahn nicht fehlen. Nur dass außer dem malerischen Dampfer vor allem große Wildwasser-Schnellboote über den See schießen und der Himmel wirklich VOLLER Doppel-Gleitschirmflieger ist. Für uns ist Queenstown für einige Zeit unsere Basis, denn von hier gehen die Busse zu unseren Wanderungen, und hier können wir auch unser überschüssiges Gepäck lassen - ein Segen!

Queenstown, Lake Wakatipu mit dramatischer Beleuchtung

2 Kommentare:

TobiasG hat gesagt…

Hallo nach Neuseeland! Klingt ja alles sehr verlockend. Heute ist die Karte aus Sydney bei mir angekommen, vor ca. einer Woche die aus Vietnam. Vielen Dank dafür! Dass Du auf der Vietnam-Karte Den Haag nach Deutschland verlegt hast, dürfte die niederländische Post nicht sehr gefreut haben, sie haben die Karte aber trotzdem zugestellt ohne zu murren oder Strafporto zu verlangen ;-)
Weiterhin alles Gute, auf viele weitere interessante Blog-Einträge!

GRS hat gesagt…

Liebe Angela, lieber Benny!
Das sind ja immer wieder ganz tolle Fotos! Und das Wetter scheint ja das Fahrradfahren zu erlauben - hier kann man sich diese ganzen Umstände schwer vorstellen, in Berlin liegt zur Zeit wieder Schnee und es gab "größere" Minustemperaturen in den letzten Tagen, wohl in Süddeutschland noch stärker.
Weiter so viel Freude für das letzte Drittel!
GRS