So schnell kann's gehen: inzwischen sind wir schon über einen Monat auf Achse, und es fühlt sich noch immer wie Urlaub an. In dem Monat ist bislang eigentlich alles nach Wunsch gelaufen - wir sind gesund geblieben, haben und fast nicht gestritten, sind nicht bestohlen worden, haben kaum etwas verloren oder liegen lassen, und sind nur selten betuppt und nie richtig abgezockt worden. Die einzigen - erträglichen - Schwierigkeiten sind Bennys Sonnenbrillen und die Literaturversorgung. Sonnenbrillen - falsche Ray-Bans etc. - gibt es zwar an jeder Ecke für einen oder zwei Euro zu kaufen. Diese Brillen sind aber leider etwas kurzlebig, nach einem Mal runterfallen sind sie in der Regel hin. Zusammen mit denen, die in Taxis und Hotelzimmern liegen geblieben sind, kommen so vielleicht sieben oder acht zusammen - macht im Schnitt zwei pro Woche. Wir hinterlassen also eine Spur aus verlorenen und kaputten Sonnenbrillen durch Südostasien.
man kann natürlich auch ohne Sonnenbrille glücklich sein
Was die Literaturversorgung angeht, gibt es zwar in vielen Hotels Büchertauschbörsen, die aber meist mehrheitlich mit amerikanischen Liebesromanen oder schlechten Spionagethrillern bestückt sind. Buchläden im klassischen Sinne gibt es kaum, dafür kann man bei Strassenhändlern Raubkopien kaufen. Die beschränken sich jedoch auf ein recht enges Sortiment (Catcher in the Rye, Harry Potter, Nick Hornby und solche Sachen), das wir entweder schon kannten oder inzwischen durchhaben.
Nach einer langen Nacht mit wenig Schlaf sind wir heute morgen in Ho Chi Minh City (besser bekannt als Saigon) angekommen. 14 Stunden war der "Reunification Express", unser Nachtzug von Dieu Tri / Quy Nhon unterwegs. Insgesamt haben wir - in vier Etappen - locker das doppelte in diesem Zug verbracht, der Hanoi im Norden mit HCMC im Süden Vietnams miteinander verbindet.
Unterwegs geht es im Wesentlichen durch Reisfelder, Reisfelder, Reisfelder, kleine Dörfer, Reisfelder, Reisfelder und noch mehr Reisfelder, aber zwischendurch gibt es auch etwas spektakuläre Küstenlandschaft zu sehen. Nachts natürlich etwas weniger spektakulär, dafür sieht man dann aber Unmengen von Fischern, die versuchen mit riesigen Leuchten Tintenfische anzulocken.

Die Züge sind übrigens einigermassen komfortabel, es ruckelt und rumpelt zwar gehörig und man kommt nicht sehr schnell voran (irgendwas um die 60 - 80 km/h), aber es schläft sich ganz ordentlich. Anstrengender ist eher das Reisen tagsüber, weil die Züge dann voller sind, und weil die Sitze nicht auf europäische Beinlängen ausgelegt sind. In den letzten Tagen war sowieso das halbe Land auf Achse, weil das Neujahrsfest (Tet) naht: das wird traditionell im Kreis der Familie gefeiert, und so macht sich jeder auf in die Heimat. Entsprechend viel war auf den Strassen und in den Zügen los.
Auf dem Weg von Hoi An nach Saigon haben wir noch ein paar Tage in einer Küstenstadt namens
Quy Nhon Station gemacht - auf der Suche nach dem nächsten tropischen Traumstrand. Das Wetter dort war zwar etwas angenehmer als zuletzt in Hoi An, aber zunächst noch nicht so recht tropisch. So haben wir uns erst mal ein Moped gemietet und damit Stadt und Umland erkundet - unter anderem gab es auch dort ein paar Cham-Türme zu bewundern, dieses mal allerdings anders als in My Sun ohne den Dschungel drumherum, dafür mit Aussicht.
Quy Nhon selbst stellte sich als recht lebendiges Provinzstädtchen heraus. Trotz der traumhaften Lage (entlang einer Bucht mit kilometerlangem Sandstrand) ist der Ort touristisch erstaunlich wenig erschlossen - zumindest was westliche Touristen angeht, vietnamesische Besucher gab es einige. Was bauliche Sehensürdigkeiten angeht, ist Quy Nhon nicht der Rede wert - die Hauptattraktion dort ist wohl der Strand. Ansonsten gibt es eher Zweckbauten und etwas sozialistische Architektur zu bewundern.
Trotzdem war es ein sehr angenehmer Flecken, um ein wenig vietnamesisches Alltagsleben mitzunehmen, das sich - wie auch andernorts - vor allem auf den Strassen und an den Strassen entlang abspielt.
Und was die Suche nach dem Traumstrand angeht, gab es schliesslich doch noch ein Happy End zu vermelden. Nach eher trübem und windigem Beginn wurde es immer besser, und am Ende noch richtig schön. Zwar blieben uns nur ein paar Stunden in der Sonne, bis wir los mussten zum Nachtzug. Aber dafür wurden wir mit einem prächtigen Sonnenuntergang verabschiedet.

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